NICK KYRGIOS- Der Tennisrebell provoziert wieder: „Das Leben ist ein Spiel und ich mach, was ich will!“

Heute habe ich Lust, der Realität so richtig den Hintern zu versohlen. Nein, kein koketter Klapps auf den Popo ist gemeint, sondern ein glühender Arsch ist das Ziel dieser Schläge: Backhand, Forehand, Volley, Smash.  Willkommen im Tiebreak der Wirklichkeiten! Ein Entscheidungsspiel.

Zuallererst: Ich gestehe meine grenzenlose Verehrung für „Sir“ Roger Federer, den besten und genialsten Tennisspieler aller Zeiten, ein wahrer Champion, ein edler Charakter, einzigartig erfolgreich, auch ein Mann der Herzen. Auf seine Art hat er alles richtig gemacht. So viele Jahre auf diesem Top-Level einen Sport auszuüben, ist unglaublich. Er ist DER Master in Fleisch und Blut. Gleichzeitig aber ist Federer ein stolzer Familienvater, Traum aller Schwiegermütter und völlig langweiliger Perfektionist. Er ist gut rasiert, wahrscheinlich riecht er sogar nach dem 5. Satz noch gut, sein Haar fällt immer schön gescheitelt und auch sonst wirkt er glattgebügelt, in allen Belangen.

Wir haben gelernt, diese braven und tüchtigen (Serien)-Sieger zu lieben und nicht die Frechen und Faulen, die aber trotzdem gewinnen. Man kann eben auch ein stinkendes Arschloch sein, um Erfolg zu haben, wie das nachfolgende Beispiel zeigen soll:

Ich lag schon sehr bequem auf meiner Couch, ein Auge geschlossen, das andere auf Halbmast- als mich im Eurosport-Kanal ein völlig aufgeregter Moderator ins wache Leben zurück gerufen hat….

Im Hardrock-Stadium Miami (sic!) erlebten wir von wenigen Wochen die Show des 24-jährigen Australiers Nick Kyrgios, der sein Racket zertrümmert wie die Rockstars ihre Gitarren und sie dann als Souvenir an die Fans und seine Groupies verschenkt. Der Sohn eines Griechen und einer Malaysierin füllt die Stadien, weil er für ein Spektakel sorgt und uns eine Brot- und Spiele-Stimmung direkt ins Wohnzimmer liefert und uns damit den gesunden Fernsehschlaf raubt;-)

John Mc Enroe, das Enfant Terrible aus vergangenen Zeiten, der im Vergleich zu ihm wie ein lieber Lausbub wirkt, hat gemeint, Kyrgios sei -was sein Talent und sein Ball-Gefühl betrifft- der legitime Nachfolger von Roger Federer. Na bumm.

Er hat den Allergrößten des Tennisspiels meines Wissens auch schon einmal besiegt, gegen Nadal steht’s im Head-to-Head 3:3 und gegen Djokovic führt er mit 2:0. Das heißt, er ist in der Lage, sich jederzeit mit den Allerbesten der Welt anzulegen und diese auch zu besiegen; trotzdem grundelt er zur Zeit rund um Platz 30 der Weltrangliste herum, warum nur Nick?

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Nun das hat einige gute Gründe: Er hat Asthma und ist nicht so austrainiert wie der Mitbewerb- was man ihm am Platz auch ansieht, vor allem bei den längeren Matches. Er genießt das Leben nach Lust und Laune am liebsten als Partyboy oder mit seiner Playstation.

Das sind seine Lustprinzipien– das Feiern und das Spielen, ein moderner Homo Ludens, der etwas an den jungen Sylvester Stallone erinnert, zumindest in Rocky 1, aber nicht wirklich dessen Kämpfernatur hat- Rückblende in die 70er Jahre zu diesem wunderbarem Soundtrack mit dem schwingenden Titel & Text von Bill Conti: GONNA FLY NOW

Trying hard now – It’s so hard now

Trying hard now – Gettin‘ strong now

Coming on, now – Gettin‘ strong now

Gonna fly now – Flyin‘ high now

Gonna fly, fly, fly

Zurück in die Zukunft: Was für ein Paradigmenwechsel, den die jungen Wilden da mitbringen- auch was die persönlichen Glaubenssätze betrifft: Statt „Das Leben ist harte Arbeit“- kommen die frech, frei und froh daher und pfeiffen ihr Lied, das da heißt: „Das Leben ist ein Spiel -und ich mach was ich will“. So ähnlich hatten wir das schon mal bei Pippi Langstrumpf. Selber sagt Kyrgios dazu:

„Ich bin da, um Spass zu haben auf dem Platz- und keine harte Arbeit zu verrichten“.

Er ist kein Sieger, der mit klarem Fokus, unbändigem Willen um jeden Preis nach ganz oben will, sondern ein echter Lebemann. Er ist auch ein Provokateur – kein Wunder, hat er doch den schlimmen Diogenes von Sinope in seinem griechischem Blut- und macht Mätzchen am Platz, legt sich mit Zuschauern, Schiedsrichtern und Balljungen an…. und lässt sich nach Lust und Laune Physiotherapeuten und Ärzte auf den Platz kommen.

In den Pausen singt, lacht und gestikuliert er. Oder er macht mit seiner Wasserflasche Bottleflips, bis diese zum Stehen kommt. Dabei erinnert er an ein hyperaktives Kind, das dauernd Blödsinn im Kopf hat und nicht stillsitzen kann…wozu auch!? Spielen ist lustiger als Sitzen, wie wir wissen, aber scheinbar vergessen haben.

Er serviert rasch zwischen 1. und 2. Aufschlag, überrascht den Gegner und bricht Rhythmen. Er spielt anders, anders als bisher üblich, anders als gewohnt. Er spielt für die Show, für seine Show. Im Match gegen den Kroaten Coric spielt er den (bisherigen) Ball des Jahres, verliert die Partie letztlich ohne große Gegenwehr. Watch it!

Der talentierteste Spieler auf der Tour spielt immer Hochrisiko-Tennis, als Bad Boy überschreitet er mit seiner Respektlosigkeit häufig die Grenzen des guten Geschmacks. Letztens flüstert er beim Turnier von Aquapulco seinem Schweizer Gegner Stan Wawrinka beim Seiten-Wechsel ins Ohr…“Kokkinakis banged your girlfriend“ und gewinnt das Match knapp.

Natürlich. Das tut man nicht, das gehört sich nicht, das ist anstandslos und respektlos. Letztlich es ist zwar immer regelkonform, was er macht, aber er bricht die inoffiziellen Regeln des Anstands und der Etikette, indem er von unten aufschlägt, nach dem Match nicht auf der Kamera unterschreibt und sich zwischen dem ersten und zweiten Aufschlag keine Zeit läßt, um seinen Gegner zu stressen.

Echten Hammeraufschlägen von über 220 km/h folgen seine legendären Unterarmaufschläge- das ist eine Verhöhnung des Gegners- aber regelkonform. Nadal hat er auf diese Art entnervt und besiegt.

Objektiv gesehen ist die Aufgabe beim Aufschlag, den Ball mit dem Schläger ins diagonal gegenüberliegende Feld zu schiessen- möglichst so, dass der Gegner ihn nicht erwischt. In diesem Sinn: Aufgabe positiv erledigt!

Er spielt also Schläge, die man bisher nicht gesehen hat, vergibt vermeintliche Sitzer leichtfertig und trickst sich oft selber aus. Unkonventionelles Tennis, hochriskant und immer spekulativ. Er schlägt unmögliche Bälle zurück und vergibt die einfachsten Schläge bisweilen stümperhaft. Leute, wir brauchen solche Showmen. Wir brauchen Menschen, denen es um den EINEN unmöglichen Schlag geht.

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Kyrgios wird kein großer Sieger werden, auch kein Sieger der Herzen. Das ist ihm scheinbar scheißegal. Respekt ist ein Fremdwort für ihn. Aber er ist längst ein Gewinner. Bisher hat er Preisgeld in der Höhe von 8 Mio Dollar eingespielt, und er gewinnt deutlich mehr Aufmerksamkeit als andere. Dadurch sind seine „Auftritte“ ausverkauft, während besser gereihte Spieler häufig vor halbleeren Rängen spielen.

Spektakel ist also garantiert, wenn er auftritt und das Eintrittsgeld zahlt sich sowohl für Veranstalter als auch für das Publikum aus. Er leistet sich auch keinen Trainer mehr, dafür beschäftigt er 2 Sportpsychologen (das war eine disziplinäre Auflage nach einem seiner Eklats).

Natürlich kann man seine Mätzchen auch als neurotischen Ausdruck einer distanzlos-aggressiven Persönlichkeit interpretieren, bestimmt ist das aus dieser psychologischen Sicht auch wahr. Irgendeine Persönlichkeitsstörung ist rasch diagnostiziert und man gilt als deviant. Doch hier schlage ich mich lieber auf die Seite der Philosophen, die jedes So-Sein gleichermaßen anerkennen und in die Vielfalt der Lebenswelten eintauchen wie in ein öffentliches Hallenbad nach Dienstschluss…

Gut, dass es Typen wie Kyrgios gibt!

Vielleicht sollten wir alle mehr fluchen und spielen und singen?!

Vor Freude übergehen und vor Langeweile eingehen?!

In der eigenen Enttäuschung versinken und Triumphe genüsslich auskosten?!

Im Konflikt auch mal richtig hohe Wellen schlagen?!

Anstatt wie perfekt funktionierende Maschinen unsere Leistung abzurufen…?!

Anstatt sich und seine Emotionen immer fester im Griff zu haben…? Autsch!

Wie befreiend wirkt doch das freilich irritierende und provokante Verhalten von Nick Kyrgios!

Andererseits weiß man von vielen anderen Beispielen, wo solche Talente und Temperamente oft enden können: Einige von euch erinnern sich bestimmt noch an das legendäre Österreicher-Duell Thomas Muster: Horst Skoff. Horsti, hochgelobtes Talent mit Hang zur Exzentrik hat sein Leben so wie sich selbst nie in den Griff bekommen und starb viel zu früh; verfettet, verschuldet, vereinsamt. Thomas Muster hat sich über seine Kämpfernatur immer wieder selbst stark gemacht und fliegt heute noch im eigenen Hubschrauber regelmäßig über seine Ländereien und Weingüter im Busch von Australien. Nach seinem schweren Autounfall in Miami vor 30 Jahren hat er sich im Rollstuhl sitzend zurückgekämpft, mit einzigartigem Willen und brutalem Einsatz. Das sind die Heldengeschichten, die wir meistens hören wollen: Nur die harten Arbeiter schaffen es und verdienen sich den Erfolg…Naja, ich weiß nicht recht, Sieger bezahlen einen hohen Preis, Gewinnern genügt das Gelingen, hin und wieder. Im Scheitern werden sie zwar nicht froh, aber sie nehmen es zur Kenntnis und spielen einfach weiter.

Letzten Endes ist es immer so: Training schlägt Talent.

Natürlich trainiert auch ein Nick Kyrgios, sonst wäre er gar nicht so weit gekommen; jedoch geht er nicht mit letzter Konsequenz und Disziplin an seine Arbeit heran, denn sonst wäre er wirklich ganz vorne. Das bestätigen alle Experten seines Faches.

Sieger zeichnen sich durch eine klare Entweder-Oder-Mentalität aus. Sie ordnen dem einen Ziel, nämlich der Beste zu werden, alles unter und verzichten auf alles andere. Der totale Fokus gilt der einen Sache. Sie kommen meist weiter voran und tiefer hinein. Gewinner hingegen haben eine Sowohl-als-Auch-Mentalität. Sie möchten gut sein, möglichst auch die beste Version ihrer Selbst realisieren. Sie tun auch wirklich vieles dafür, jedoch geben sie nicht alles für eine Sache, noch geben sie alles andere deswegen auf. Ihr Horizont ist breiter, ihr Leben ist bunter.

Daher: Wir brauchen solche provokanten Typen, um bestehende Regeln, Abläufe und Mindsets zu hinterfragen und diese bis zu einem bestimmten Ausmaß auch zu brechen, um auf andere Ergebnisse und Erlebnisse als bisher zu kommen.

Innovation braucht Differenz!

Diese Rulebreaker, Grenzgänger und Rebellen zeigen uns auf, was sonst noch möglich wäre, sie sind Game Changer nicht nur im Geiste und gehen die Dinge komplett anders an. Sie eröffnen neue Spielräume innerhalb der vorgegeben Rahmenbedingungen (ein Tennisplatz hat nun einmal eine klare Grenze und ein trennendes Netz in der Mitte und sonst noch ein paar verbindliche Regeln, der Rest bleibt der Fantasie und dem Können des Spielers überlassen).

An der Grenze von Genie und Wahnsinn bleibt Nick zu wünschen, dass er nicht abstürzt. Der Erfolgsfriedhof von solchen „Rockstars“ ist groß, zugrunde gegangen am ausschweifenden Lebensstil und der eigenen Großartigkeit. Nur wenige überleben, doch diese werden zu echten Legenden (siehe Bode Miller).

Es bleibt abzuwarten, wie dieses Match ausgehen wird: Talent gegen Training. Genie gegen Wahnsinn. Ich bin mir sicher, Nick hat mehr Spaß im Leben als die meisten anderen auf der Tour, er genießt die Freiheit seines schlechten Rufes und vögelt mehr von den schöneren und verrückteren Frauen– und das mit weniger Beherrschung als die braven, angepaßten Sieger, die immer alles so schön im Griff haben…

Natürlich könnte man sein fragwürdiges Verhalten noch weiter interpretieren- denn gerade aus hermeneutischer Sicht ist der Typ hochinteressant, weil er fundamentale Fragen aufwirft und Dinge radikal in Frage stellt und uns damit immer wieder ein seltsames Staunen abringt (das ja seit der Antike als Anfang aller Philosophie gilt).

Jetzt lassen wir es aber gut sein mit gscheit sein, ich verliere mit jedem weiteren Absatz den einen oder anderen Leser mangels ausreichender Vigilanz und daher bleib ich mir bis zum Schluss wahrscheinlich nur selber treu…….jedoch auch hier gilt:

Ausnahmen bestätigen niemals die Regel, im Gegenteil, sie setzen diese außer Kraft, sie falsifizieren das bisher Angenommene. Ausnahmen bestätigen die Ausnahmen.

Over and out.

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