RUFUS WAINRIGHT: Einer, der seinen Mittelfinger tief in die blutende Schnittwunde aus Melancholie und Ironie eintaucht und ihn genüsslich ableckt. HALLELUJA!

Die New York Times rühmt seine GENUINE ORIGINALITY.

Zur Zeit ist er mit 2 großen Projekten unterwegs: seiner ALL THESE POSES ANNIVERSERY TOUR (20 Jahre!) und seiner Oper HADRIAN, die Ende 2018 Weltpremiere hatte. Standing Ovations everywhere.

Ganz sicher ist: Rufus Wainwright ist einer der herausragenden Sänger, Komponisten und Songwriter unserer Zeit, und er wandelt jenseits aller ausgetretenen Pfade zwischen Pop und Klassik – einer der ganz großen kanadischen Popstars- ohne jemals im kommerziellen Mainstream gelandet zu sein, im Gegenteil- der ein eigenes Fach beherrscht, ein neues Genre erfindet, eine Nische besetzt: POPERA!

„A genre unto himself“ (The Independent)

Was macht diesen Mann zu so einem einzigartigen Original?

Zunächst werfen wir einen Blick auf seine Herkunft: Er ist der Spross einer Musikerdynastie, über die er am liebsten nicht spricht und stand schon im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal auf der Bühne. Er ist musikalisch top-ausgebildet, spielt mehrere Instrumente und hat eine klassische Gesangsausbildung. In dieser romantischen, jungenhaften Stimme des Mitvierzigers liegt ein selbstvergessener Klang, der seine Fans verrückt macht.

So perfekt Wainwright seine Stücke auch intoniert – kalt wirkt das in keinem Augenblick, immer wirft er sich mit dem stärksten Ausdruck, der größten Emotion hinein in sie, mit einem wunderbar wild-verträumten aufmüpfigen Schlendrian, und schwebt in seinem ganz eigenen Musikhimmel. Mit seinem Tremolo umarmt er alle und erzeugt eine große Intimität. Er lässt sich tief in die Seele schauen.

Zu den edelsten Aufgaben des Künstlers zählt seit jeher, dem konventionell sozialisierten Bürger auch die Schönheit des Scheiterns näherzubringen. Kaum jemand im heutigen Musikgeschäft kann das souveräner als Rufus Wainwright. Seine barock anmutenden Songs kollidieren mit den Vorgaben des Formatradios. Wainwright nimmt es gelassen. Schon als junger Mann war er ein Meister der Selbstvergeudung. Er probierte sich in Exzessen jeder Art, goss das Erlebte in markante Melodien. In den Siebzigerjahren hätte er mit seinen emotional überbordenden Liedern wohl den Äther dominiert. Aber heute ist er eine schillernde Randfigur, der in seinen Konzerten zeigt, dass er wohl zu den Allergrößten seines Faches gehört.

Mit 14 Jahren entdeckt er seine Homosexualität, zu der er sich bald offensiv bekennt und die sich auch in seiner Musik widerspiegelt. Er interessiert sich für schwule Kulturtradition in allen künstlerischen Bereichen, an die er anknüpfen möchte. So bezieht er sich u. a. auf Oscar WildeGertrude Stein oder Jean Cocteau. Eine seiner großen Musen ist Maria Callas.

Heute ist er mit einem Berliner Theaterproduzenten verheiratet. Die beiden haben eine Tochter. Deren Mutter ist Lorca Cohen, die Tochter von Leonard Cohen. HALLELUJA!

Seine zweite Oper HADRIAN hatte zur Eröffnung der Saison Ende 2018 der Canadian Opera Company in Toronto Weltpremiere. Eine große Liebe zwischen zwei Männern – das ist seltener Stoff für die Opernbühne. Mit viel Freizügigkeit und emotionalen Monologen, verbotener Liebe, Sex, Verrat, Mord – das von Rufus Wainwright komponierte Bühnenwerk «Hadrian» hat alles, was den Kanon klassischer Opern ausmacht. Und noch ein bisschen mehr: viel nackte Haut und gleichgeschlechtliche Liebesszenen. Mit emotionalen Monologen und expressiver Freizügigkeit behandelt Hadrian ein für die Oper seltenes Thema: Homosexualität.

Die Oper, die auf Englisch und auf Latein gesungen wird, sei in vieler Hinsicht ein Novum für die Opernwelt, sagte der aus Deutschland stammende Leiter der Canadian Opera Company (COC), Alexander Neef, vor der Weltpremiere der Deutschen Presseagentur. Für die Operngesellschaft ist «Hadrian» die erste in Auftrag gegebene Eigen-Inszenierung seit 1999. «Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern. Das allein ist bereits ungewöhnlich. Auch die Tatsache, dass Libretto und Musik von zwei Männern kreiert wurden, die offen zu ihrer Homosexualität stehen, ist eine Seltenheit. Aber es ist 2018, und es ist unsere Aufgabe, diese Geschichten zu erzählen», sagt Neef, der die COC in Toronto seit zehn Jahren leitet.

Die Zuschauer in Toronto – vor dem Kauf der Karten mehrfach auf die sexuelle Freizügigkeit der Inszenierung hingewiesen – schienen bei der Premiere letztendlich stärker von den tiefen Emotionen bewegt, als von den expliziten homoerotischen Liebesszenen schockiert zu sein. Musikalisch untermalte Wainwrights Komposition zwar die emotionale Beziehung der Protagonisten, sprang stilistisch aber stellenweise chaotisch von einem Genre zum nächsten. Neben klassischen Opernmerkmalen flocht der Musiker Elemente aus Jazz oder romantischem Balladen ein, was ansatzweise innovativ klang, grundsätzlich aber die Balance aus der Ruhe brachte (so in etwa die Kritikerstimmen).

Davon hat sich ein Rufus Wainright noch nie beeindrucken lassen, sondern immer einfach weiter sein Ding gemacht. Mit großem persönlichen Einsatz und Stehvermögen realisiert er auch die unmöglichsten Projekte, wobei gilt:

Seine erste Oper Prima Donna spielte gerade mal die Kosten herein. Zur Premiere 2009 kam er als Verdi verkleidet– und ist vielleicht nicht zuletzt aufgrund dieses Affronts bei der Kritik durchgefallen. Was die meisten nicht wissen: Auch dem Großmeister der (italienischen) Oper ist es ähnlich ergangen -nur mit einer viel dramatischeren Geschichte: Im Juni 1840 starb Verdis Frau Margherita im Alter von 26 Jahren an einer Enzephalitis, als Verdi an seinem nächsten Werk arbeitete, der komischen Oper Un giorno di regno. Die Aufführung wurde ausgepfiffen. Verdi, der den Tod seiner Frau tief betrauerte, beschloss deprimiert, das Komponieren aufzugeben.

Nach über einem Jahr konnte ihn jedoch Bartolomeo Merelli, der Direktor der Scala, zu einem weiteren Werk überreden: Nabucodonosor (1842; später Nabucco genannt). Diese Oper erwies sich als Sensationserfolg, und Verdi wurde auch international als „führender italienischer Opernkomponist“ anerkannt.

Wie unberechenbar das Schicksal ist, wie nahe Elend und Triumph bei einander liegen, und wie stark es manchmal davon abhängt, jemanden zu haben, der an einen glaubt- zeigt der weitere Verlauf dieser Geschichte, denn: Die Abigaille der Uraufführung, Giuseppina Strepponi wurde später Verdis Lebensgefährtin und zweite Ehefrau.

Seit dem Erscheinen der ersten Verdi-Biographien im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wird auch behauptet, das unter Fremdherrschaft leidende italienische Volk habe sich mit dem in dieser Oper zum Ausdruck kommenden Freiheitsstreben der in babylonischer Gefangenschaft gehaltenen Juden identifiziert. So sei der bekannte Chor Va pensiero, sull’ali dorate („Steig, Gedanke, auf goldenen Flügeln“) eine Art italienische Nationalhymne, ein Protest gegen Tyrannei und politische Willkür gewesen. Und das sei hier auch unter den freiheitsliebenden Vogelkindern nochmals extra betont!

Neben diesen beiden Opern hat Multitalent Rufus acht Studioalben produziert, mehrere Gastrollen in Sitcoms und Kinofilmen gespeilt, Kleidung zB für H&M in der Kollektion FASHION against AIDS entworfen und lieferte Beiträge zu TOP-Soundtracks wie Big Daddy, Moulin Rouge, Zoolander, Ich bin Sam, Bridget Johnes, Aviator, Brokeback Mountain, Couchgeflüster, Shrek…

2009 komponierte er die Musik für Robert Wilsons „Shakespeares Sonette“ am Berliner Ensemble. Mit Robbie Williams sang er 2 Duette und trat immer wieder mal als Überraschungsgast bei ihm auf- 2013: „Swings Both Ways“- und 2016 das leicht psychodelische „Hotel Crazy“:

2014 spielte er als erster Musiker überhaupt fünf Abende am Londoner Opernhaus Covent Garden hintereinander vor ausverkauftem Haus. Im Sommer  2017 spielte er in der Hamburger Elbphilharmonie ausverkaufte Shows. Zur Zeit tourt er durch Europa– solo mit seinem Flügel und einer Art „Best of“: eigene Popsongs quer durch sein Schaffen, die wundervoll gesetzten Vertonungen einiger Shakespeare-Sonetten sowie Cover-Versionen bis hin zu Auszügen aus seinem sensationellen Judy Garland-Programm stehen auf dem Programm.

Auf dieser Jubiläumstournee mit ALL THESE POSES zeigt er, dass 20 Jahre vergehen wie nichts- und niemand BIPOLARER singen kann als er. Er ist in den Gebärden der Euphorie ebenso zu Hause wie in den Gesten der Enttäuschung. Egal ob in „foolish love“ oder  „oh what a world“….jede Nummer ist wie ein kleines Musical in sich. Mal mehr Songwriterballade, dann Saloonklimperei und chopinartige Pianofantasie, leichthändig, filigran und betörend spielt er. Über allem schwebt seine extraordinäre Singstimme, voll, tremolierend und mit einem kunstvoll ungekünstelten Vibrato versehen, das es so kein zweites Mal gibt- für rührende, witzige und zerbrechliche Momente.

Rufus ist einer der seinen Mittelfinger tief in die blutende Schnittwunde aus Melancholie und Ironie eintaucht und ihn sich genüsslich ableckt. Er badet in seinem Weltschmerz aus grundloser Traurigkeit und leidet an den unauflösbaren Widersprüchen des Lebens. In seinen Texten spürt man auch eine Art SOKRATISCHEN Schmerz, der Vergeblichkeit des Ergründens und Nachsinnens. Seine Melancholie leugnet ihren Grund, der ein Abgrund ist, nicht.

Seine schwermütige Seele bezieht zuletzt aus der Erotik noch Reiz und Anreiz des Daseins. In der sinnlichen Fülle kann er sich als melancholisches Subjekt gehen lassen- und auch den Tränen freien Lauf lassen. Die Erotik ist der einzige Trost der Melancholie, was Rufus uns sinnlich bis obszön vor Augen führt.

Das Weinen der Melancholie stammt aber aus der selben dunklen Quelle wie die Kunst des Lachens- und schüttet sich aus über die Widersprüche des Daseins. Dieses Spiel beherrscht Rufus wie kaum ein anderer. Wenn er sich der Melancholie- diesem schwärzesten Gefühl- musikalisch hingibt, kommt ein völlig unerwarteter Moment, an dem er musikalisch einen Haken schlagt- und sich gegen gewohnte und breitgetretene Harmoniefolgen stemmt und siehe da: aus den Tränen der Melancholie entsteht das Augenzwinkern der Ironie.

Diese Kunst im Umgang mit Widersprüchen ermöglicht eine heitere Distanz zu den Dingen und so finden die Dinge auch musikalisch plötzlich „nicht in höherer Einheit- sondern in höherer Narrheit“ (Kierkeaard) zusammen und verbinden sich. Diese –auch musikalische- Ironie läßt erahnen, dass die Realität in Wahrheit noch eine ganz andre sein kann. Ironie denkt Anderssein insgeheim mit– sie entzieht dem Selbst seinen Zwang und macht den Raum der Freiheit denkbar. Es ist ein Spiel von Mehrdeutigkeiten, mit Widersprüchen und Andersheiten, das Rufus in dieser bipolaren Version meisterhaft beherrscht.

„Der vielleicht größte, sicher größenwahnsinnigste Songwriter seiner Generation. (…) Man müßte mit betonierter Homophobie und Taubheit gestraft sein, um die Kunst des Rufus Wainwright nicht als monumental würdigen zu können. Doch diese Musik betört nicht nur im groß Gedachten und Gemachten, in barockem Reichtum und melodramatischem Applomb – Wainwright schafft auch Momente von feinster Gefühlsregung, seismischem Erfassen delikatester Emotionen.“   (Rolling Stone)

SHORT CUT:

+ Er läßt uns mit seiner Musik und seiner Art des Seins tief in seine Seele blicken

+Er ist ein top- ausgebildeter Pianist und Sänger (auch im klassischen Fach) mit einer einzigartigen Stimme

+ Sein exzentrisches Auftreten – z.T. in barocken Verkleidungen irritiert, provoziert und fasziniert gleichermaßen

+ Er führt ein intensives (homosexuelles) Leben mit der ihr eigenen Subkultur und positioniert sich als Role Model für eine gelebte Diversität

+ Sinnlichkeit und Erotik als kreative Kompensation einer tiefen Melancholie spielen eine wichtige Rolle

+ Er beherrscht das bipolare Spiel zwischen Ironie und Melancholie wie kaum ein Anderer

+ Er ist zwar eine schillernde Randfigur, aber noch nicht zu weit weg von der Masse, sodass er immer genug erreicht, die ihn lieben und bezahlen

+ Er hat quasi ein neues eigenes Genre erfunden –POPERA- und vielleicht damit auch Freddi Mercury posthum rehabilitiert

+Musikalisch spielt er mit Erwartungen und bricht diese; damit widersetzt er sich erfolgreich der Vereinnahmung durch den Mainstream

+Er ist innovativ und sorgt mit einem Novum in der Opernwelt- (Liebe zwischen 2 Männern) für eine Weltpremiere

+Outing + Standing = Outstanding

NICK KYRGIOS- Der Tennisrebell provoziert wieder: „Das Leben ist ein Spiel und ich mach, was ich will!“

Heute habe ich Lust, der Realität so richtig den Hintern zu versohlen. Nein, kein koketter Klapps auf den Popo ist gemeint, sondern ein glühender Arsch ist das Ziel dieser Schläge: Backhand, Forehand, Volley, Smash.  Willkommen im Tiebreak der Wirklichkeiten! Ein Entscheidungsspiel.

Zuallererst: Ich gestehe meine grenzenlose Verehrung für „Sir“ Roger Federer, den besten und genialsten Tennisspieler aller Zeiten, ein wahrer Champion, ein edler Charakter, einzigartig erfolgreich, auch ein Mann der Herzen. Auf seine Art hat er alles richtig gemacht. So viele Jahre auf diesem Top-Level einen Sport auszuüben, ist unglaublich. Er ist DER Master in Fleisch und Blut. Gleichzeitig aber ist Federer ein stolzer Familienvater, Traum aller Schwiegermütter und völlig langweiliger Perfektionist. Er ist gut rasiert, wahrscheinlich riecht er sogar nach dem 5. Satz noch gut, sein Haar fällt immer schön gescheitelt und auch sonst wirkt er glattgebügelt, in allen Belangen.

Wir haben gelernt, diese braven und tüchtigen (Serien)-Sieger zu lieben und nicht die Frechen und Faulen, die aber trotzdem gewinnen. Man kann eben auch ein stinkendes Arschloch sein, um Erfolg zu haben, wie das nachfolgende Beispiel zeigen soll:

Ich lag schon sehr bequem auf meiner Couch, ein Auge geschlossen, das andere auf Halbmast- als mich im Eurosport-Kanal ein völlig aufgeregter Moderator ins wache Leben zurück gerufen hat….

Im Hardrock-Stadium Miami (sic!) erlebten wir von wenigen Wochen die Show des 24-jährigen Australiers Nick Kyrgios, der sein Racket zertrümmert wie die Rockstars ihre Gitarren und sie dann als Souvenir an die Fans und seine Groupies verschenkt. Der Sohn eines Griechen und einer Malaysierin füllt die Stadien, weil er für ein Spektakel sorgt und uns eine Brot- und Spiele-Stimmung direkt ins Wohnzimmer liefert und uns damit den gesunden Fernsehschlaf raubt;-)

John Mc Enroe, das Enfant Terrible aus vergangenen Zeiten, der im Vergleich zu ihm wie ein lieber Lausbub wirkt, hat gemeint, Kyrgios sei -was sein Talent und sein Ball-Gefühl betrifft- der legitime Nachfolger von Roger Federer. Na bumm.

Er hat den Allergrößten des Tennisspiels meines Wissens auch schon einmal besiegt, gegen Nadal steht’s im Head-to-Head 3:3 und gegen Djokovic führt er mit 2:0. Das heißt, er ist in der Lage, sich jederzeit mit den Allerbesten der Welt anzulegen und diese auch zu besiegen; trotzdem grundelt er zur Zeit rund um Platz 30 der Weltrangliste herum, warum nur Nick?

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Nun das hat einige gute Gründe: Er hat Asthma und ist nicht so austrainiert wie der Mitbewerb- was man ihm am Platz auch ansieht, vor allem bei den längeren Matches. Er genießt das Leben nach Lust und Laune am liebsten als Partyboy oder mit seiner Playstation.

Das sind seine Lustprinzipien– das Feiern und das Spielen, ein moderner Homo Ludens, der etwas an den jungen Sylvester Stallone erinnert, zumindest in Rocky 1, aber nicht wirklich dessen Kämpfernatur hat- Rückblende in die 70er Jahre zu diesem wunderbarem Soundtrack mit dem schwingenden Titel & Text von Bill Conti: GONNA FLY NOW

Trying hard now – It’s so hard now

Trying hard now – Gettin‘ strong now

Coming on, now – Gettin‘ strong now

Gonna fly now – Flyin‘ high now

Gonna fly, fly, fly

Zurück in die Zukunft: Was für ein Paradigmenwechsel, den die jungen Wilden da mitbringen- auch was die persönlichen Glaubenssätze betrifft: Statt „Das Leben ist harte Arbeit“- kommen die frech, frei und froh daher und pfeiffen ihr Lied, das da heißt: „Das Leben ist ein Spiel -und ich mach was ich will“. So ähnlich hatten wir das schon mal bei Pippi Langstrumpf. Selber sagt Kyrgios dazu:

„Ich bin da, um Spass zu haben auf dem Platz- und keine harte Arbeit zu verrichten“.

Er ist kein Sieger, der mit klarem Fokus, unbändigem Willen um jeden Preis nach ganz oben will, sondern ein echter Lebemann. Er ist auch ein Provokateur – kein Wunder, hat er doch den schlimmen Diogenes von Sinope in seinem griechischem Blut- und macht Mätzchen am Platz, legt sich mit Zuschauern, Schiedsrichtern und Balljungen an…. und lässt sich nach Lust und Laune Physiotherapeuten und Ärzte auf den Platz kommen.

In den Pausen singt, lacht und gestikuliert er. Oder er macht mit seiner Wasserflasche Bottleflips, bis diese zum Stehen kommt. Dabei erinnert er an ein hyperaktives Kind, das dauernd Blödsinn im Kopf hat und nicht stillsitzen kann…wozu auch!? Spielen ist lustiger als Sitzen, wie wir wissen, aber scheinbar vergessen haben.

Er serviert rasch zwischen 1. und 2. Aufschlag, überrascht den Gegner und bricht Rhythmen. Er spielt anders, anders als bisher üblich, anders als gewohnt. Er spielt für die Show, für seine Show. Im Match gegen den Kroaten Coric spielt er den (bisherigen) Ball des Jahres, verliert die Partie letztlich ohne große Gegenwehr. Watch it!

Der talentierteste Spieler auf der Tour spielt immer Hochrisiko-Tennis, als Bad Boy überschreitet er mit seiner Respektlosigkeit häufig die Grenzen des guten Geschmacks. Letztens flüstert er beim Turnier von Aquapulco seinem Schweizer Gegner Stan Wawrinka beim Seiten-Wechsel ins Ohr…“Kokkinakis banged your girlfriend“ und gewinnt das Match knapp.

Natürlich. Das tut man nicht, das gehört sich nicht, das ist anstandslos und respektlos. Letztlich es ist zwar immer regelkonform, was er macht, aber er bricht die inoffiziellen Regeln des Anstands und der Etikette, indem er von unten aufschlägt, nach dem Match nicht auf der Kamera unterschreibt und sich zwischen dem ersten und zweiten Aufschlag keine Zeit läßt, um seinen Gegner zu stressen.

Echten Hammeraufschlägen von über 220 km/h folgen seine legendären Unterarmaufschläge- das ist eine Verhöhnung des Gegners- aber regelkonform. Nadal hat er auf diese Art entnervt und besiegt.

Objektiv gesehen ist die Aufgabe beim Aufschlag, den Ball mit dem Schläger ins diagonal gegenüberliegende Feld zu schiessen- möglichst so, dass der Gegner ihn nicht erwischt. In diesem Sinn: Aufgabe positiv erledigt!

Er spielt also Schläge, die man bisher nicht gesehen hat, vergibt vermeintliche Sitzer leichtfertig und trickst sich oft selber aus. Unkonventionelles Tennis, hochriskant und immer spekulativ. Er schlägt unmögliche Bälle zurück und vergibt die einfachsten Schläge bisweilen stümperhaft. Leute, wir brauchen solche Showmen. Wir brauchen Menschen, denen es um den EINEN unmöglichen Schlag geht.

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Kyrgios wird kein großer Sieger werden, auch kein Sieger der Herzen. Das ist ihm scheinbar scheißegal. Respekt ist ein Fremdwort für ihn. Aber er ist längst ein Gewinner. Bisher hat er Preisgeld in der Höhe von 8 Mio Dollar eingespielt, und er gewinnt deutlich mehr Aufmerksamkeit als andere. Dadurch sind seine „Auftritte“ ausverkauft, während besser gereihte Spieler häufig vor halbleeren Rängen spielen.

Spektakel ist also garantiert, wenn er auftritt und das Eintrittsgeld zahlt sich sowohl für Veranstalter als auch für das Publikum aus. Er leistet sich auch keinen Trainer mehr, dafür beschäftigt er 2 Sportpsychologen (das war eine disziplinäre Auflage nach einem seiner Eklats).

Natürlich kann man seine Mätzchen auch als neurotischen Ausdruck einer distanzlos-aggressiven Persönlichkeit interpretieren, bestimmt ist das aus dieser psychologischen Sicht auch wahr. Irgendeine Persönlichkeitsstörung ist rasch diagnostiziert und man gilt als deviant. Doch hier schlage ich mich lieber auf die Seite der Philosophen, die jedes So-Sein gleichermaßen anerkennen und in die Vielfalt der Lebenswelten eintauchen wie in ein öffentliches Hallenbad nach Dienstschluss…

Gut, dass es Typen wie Kyrgios gibt!

Vielleicht sollten wir alle mehr fluchen und spielen und singen?!

Vor Freude übergehen und vor Langeweile eingehen?!

In der eigenen Enttäuschung versinken und Triumphe genüsslich auskosten?!

Im Konflikt auch mal richtig hohe Wellen schlagen?!

Anstatt wie perfekt funktionierende Maschinen unsere Leistung abzurufen…?!

Anstatt sich und seine Emotionen immer fester im Griff zu haben…? Autsch!

Wie befreiend wirkt doch das freilich irritierende und provokante Verhalten von Nick Kyrgios!

Andererseits weiß man von vielen anderen Beispielen, wo solche Talente und Temperamente oft enden können: Einige von euch erinnern sich bestimmt noch an das legendäre Österreicher-Duell Thomas Muster: Horst Skoff. Horsti, hochgelobtes Talent mit Hang zur Exzentrik hat sein Leben so wie sich selbst nie in den Griff bekommen und starb viel zu früh; verfettet, verschuldet, vereinsamt. Thomas Muster hat sich über seine Kämpfernatur immer wieder selbst stark gemacht und fliegt heute noch im eigenen Hubschrauber regelmäßig über seine Ländereien und Weingüter im Busch von Australien. Nach seinem schweren Autounfall in Miami vor 30 Jahren hat er sich im Rollstuhl sitzend zurückgekämpft, mit einzigartigem Willen und brutalem Einsatz. Das sind die Heldengeschichten, die wir meistens hören wollen: Nur die harten Arbeiter schaffen es und verdienen sich den Erfolg…Naja, ich weiß nicht recht, Sieger bezahlen einen hohen Preis, Gewinnern genügt das Gelingen, hin und wieder. Im Scheitern werden sie zwar nicht froh, aber sie nehmen es zur Kenntnis und spielen einfach weiter.

Letzten Endes ist es immer so: Training schlägt Talent.

Natürlich trainiert auch ein Nick Kyrgios, sonst wäre er gar nicht so weit gekommen; jedoch geht er nicht mit letzter Konsequenz und Disziplin an seine Arbeit heran, denn sonst wäre er wirklich ganz vorne. Das bestätigen alle Experten seines Faches.

Sieger zeichnen sich durch eine klare Entweder-Oder-Mentalität aus. Sie ordnen dem einen Ziel, nämlich der Beste zu werden, alles unter und verzichten auf alles andere. Der totale Fokus gilt der einen Sache. Sie kommen meist weiter voran und tiefer hinein. Gewinner hingegen haben eine Sowohl-als-Auch-Mentalität. Sie möchten gut sein, möglichst auch die beste Version ihrer Selbst realisieren. Sie tun auch wirklich vieles dafür, jedoch geben sie nicht alles für eine Sache, noch geben sie alles andere deswegen auf. Ihr Horizont ist breiter, ihr Leben ist bunter.

Daher: Wir brauchen solche provokanten Typen, um bestehende Regeln, Abläufe und Mindsets zu hinterfragen und diese bis zu einem bestimmten Ausmaß auch zu brechen, um auf andere Ergebnisse und Erlebnisse als bisher zu kommen.

Innovation braucht Differenz!

Diese Rulebreaker, Grenzgänger und Rebellen zeigen uns auf, was sonst noch möglich wäre, sie sind Game Changer nicht nur im Geiste und gehen die Dinge komplett anders an. Sie eröffnen neue Spielräume innerhalb der vorgegeben Rahmenbedingungen (ein Tennisplatz hat nun einmal eine klare Grenze und ein trennendes Netz in der Mitte und sonst noch ein paar verbindliche Regeln, der Rest bleibt der Fantasie und dem Können des Spielers überlassen).

An der Grenze von Genie und Wahnsinn bleibt Nick zu wünschen, dass er nicht abstürzt. Der Erfolgsfriedhof von solchen „Rockstars“ ist groß, zugrunde gegangen am ausschweifenden Lebensstil und der eigenen Großartigkeit. Nur wenige überleben, doch diese werden zu echten Legenden (siehe Bode Miller).

Es bleibt abzuwarten, wie dieses Match ausgehen wird: Talent gegen Training. Genie gegen Wahnsinn. Ich bin mir sicher, Nick hat mehr Spaß im Leben als die meisten anderen auf der Tour, er genießt die Freiheit seines schlechten Rufes und vögelt mehr von den schöneren und verrückteren Frauen– und das mit weniger Beherrschung als die braven, angepaßten Sieger, die immer alles so schön im Griff haben…

Natürlich könnte man sein fragwürdiges Verhalten noch weiter interpretieren- denn gerade aus hermeneutischer Sicht ist der Typ hochinteressant, weil er fundamentale Fragen aufwirft und Dinge radikal in Frage stellt und uns damit immer wieder ein seltsames Staunen abringt (das ja seit der Antike als Anfang aller Philosophie gilt).

Jetzt lassen wir es aber gut sein mit gscheit sein, ich verliere mit jedem weiteren Absatz den einen oder anderen Leser mangels ausreichender Vigilanz und daher bleib ich mir bis zum Schluss wahrscheinlich nur selber treu…….jedoch auch hier gilt:

Ausnahmen bestätigen niemals die Regel, im Gegenteil, sie setzen diese außer Kraft, sie falsifizieren das bisher Angenommene. Ausnahmen bestätigen die Ausnahmen.

Over and out.

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