Mallorcas blutige Geschichte im Wechselspiel von muslimischer und christlicher Herrschaft als Spiegel der aktuellen Situation in Europa. Die Bekehrungsgeschichte von Palma’s großem Sohn Ramon Llull oder wie man erfolgreich scheitert. Wer am Zweifeln zweifelt, verzweifelt.

Es ist der erste Dezember. Ich verlasse Wien bei kaltem, nassen Schneesturm. Das ist auch gut und richtig so. Immerhin ist meterologischer Winterbeginn. Als ich gut 2 Stunden später in Palma lande, ist es warm und sonnig. Dieser heitere Empfang zaubert mir sofort ein Lächeln ins Gesicht, das in den nächsten Tagen wieder langsam verschwinden wird, weil dunkle Wolken von fern herüber grollen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, und ich bin ernster als mir lieb ist.

Im Dezember und Jänner gibt es hier immer wieder den sog. „Kleinen Sommer“, ein bis zwei Wochen richtig schönes Wetter und absolute Windstille („CALMES“). Das Meer ist dann so glatt, dass es wie ein See aussieht. Vor mir schaukeln die Boote ganz sanft und friedlich spiegeln sich die kleinen Wolken auf der glatten Wasseroberfläche. Wir erleben nun bei steifer Brise halkyonische Tage, wie sie Friedrich Nietzsche bezeichnet hat, eine glückliche Zeit voll Frieden und Ruhe. Eine griechische Sage erzählt, dass sich Halkyone ins Meer stürzte, nachdem ihr Gatte nach einer Seefahrt umgekommen war. Gerührt von dieser Liebe, verwandelten die Götter die beiden in Eisvögel. Während der Brutzeit dieser Vögel, um die Wintersonnenwende, herrschte auf der See Windstille. Aha, soweit der Mythos, die Meteorologie sieht das naturgemäß etwas anders;-) Wie auch immer, das Bild zeigt die absolute Ruhe des Meeres im kleinen Fischerhafen von Portixol. Während die Sonne untergeht, spiegeln sich die Abendwolken im Meer.

glatter-meeresspiegel

Ein paar Schritte weiter Richtung Nassau Beach Club jubelt mir schon die imposante Kathedrale entgegen, und ich habe das Gefühl ein Deja-Vue zu erleben, die ewige Wiederholung der Geschichte, die sich besonders dramatisch auf dieser Insel zugetragen hat. Und plötzlich wird mir diese Stille unheimlich, sie kommt mir vor wie die Ruhe vor dem Sturm.

Die brutale Geschichte Mallorcas zieht wie ein Film an mir vorbei und spiegelt sich ähnlich wie die Wolken am Himmel im Grunde meiner Seele, aus der ich ein tiefes unheimliches Grollen vernehme. Als ich mich der Kathedrale der heiligen Maria nähere, wird mir die aktuelle polisch-religiöse Situation Europas als ein weiterer Kampf in einem schon ewig währendem Krieg bewußt, in dem sich Muslime und Christen gegenseitig die Schädel einschlagen. Früher noch mit Steinen, Schwertern und Pfeilen, bald auch mit Kanonenkugeln, heute mit ferngesteuerten Bomben oder Selbstmordattentätern.

Wenn man sich die Geschichte Mallorcas genauer ansieht, sieht man, dass es sich bei unserer heutigen Situation einer zunehmenden Islamisierung „nur“ um eine geschichtliche Wiederholung handelt- eine typische historische Gegenbewegung, und dass im Laufe der Jahrhunderte die politischen und religiösen Machtansprüche immer wieder hin und her gewechselt sind. Hier sind die Daten dazu:

Eine Chronik der Wiedereroberung Iberiens durch die Christen liest sich folgendermaßen: 711 beginnt die Invasion. Muslime greifen von Nordafrika aus die iberische Halbinsel an, um ihr Imperium auszudehnen (kommt uns das bekannt vor…?). 903 wird auch Mallorca maurisch. Der Feldherr Issam al-Khawlani erobert Mallorca und wird der erste muslimische Herrscher der Insel. Er läßt Badehäuser und Moscheen errichten und treibt die Islamisierung der Insel voran. 929 wird das Kalifat gegründet. Das muslimische Cordoba wird zur Hauptstadt ernannt und gilt zu jener Zeit als die größte und fortschrittlichste Stadt Europas. Erst knapp 300 (!!!) Jahre später, 1212 beginnt Papst Innozenz III. einen Kreuzzug gegen die Mauren, die RECONQUISTA beginnt. 1229 werden die Balearen unter König Jakob von Aragon in einem spektakulären Feldzug zurück erobert. Die Geschichtsschreiber werden Jakob 1 einen Beinamen geben: der Eroberer. Mallorca wird unter ihm wieder christlich. Noch im selben Jahr beginnt er mit dem Bau an einer der gewaltigsten Kirchen der Christenheit: der gotischen Kathedrale La Seu, bis heute das Wahrzeichen Palmas. Erst 1492- also wiederum fast 300 Jahre später!!! mit der Eroberung Granadas, ist die Reconquista vollendet. Wie zum Trotz versuche ich diese imposante Kathedrale von einem Winkel und „im Schutze“ des blühenden Schilfs zu fotografieren, aus dem sie weniger mächtig wirkt…

la-seu

Und heute, wieder sind mehr als 500 Jahre vergangen sind wir aufgeklärte Menschen und haben dadurch unseren Glauben verloren. Der Fortschritt unserer Zivilisation bedeutet einen Rückgang des Glaubens. Damit kommt uns die größte (kriegerische) Kraft abhanden, nämlich für seinen Glauben zu kämpfen. Das wäre zwar gut so, aber nur dann, wenn auch die Aufklärung global wäre und kein Privileg zivilisierter Staaten und der ersten Welt. Dann  brauchen wir alle keinen Glauben mehr und könnten uns endlich über Nietzsches Spott amüsieren:

Man soll ohne Vernunft, durch ein Wunder, in den Glauben hineingeworfen werden und nun in ihm wie im hellsten und unzweideutigsten Elemente schwimmen: Schon der Blick nach einem Festlande, schon der Gedanke, man sei vielleicht nicht zum Schwimmen allein da, schon die leise Regung unserer amphibischen Natur -ist Sünde! Man merke doch, dass damit die Begründung des Glaubens und alles Nachdenken über seine Herkunft ebenfalls schon als sündhaft ausgeschlossen sind. Man will Blindheit und Taumel und einen ewigen Gesang über den Wellen, in denen die Vernunft ertrunken ist!

Der aufgeklärte Mensch ist heute desillusioniert, seine (berechtigten?!) Zweifel und seine Orientierungslosigkeit schwächen ihn substanziell. Daher ist er auch nicht mehr so verführbar für die großen Heilslehren und den blinden Gehorsam. Jedoch hat der Mensch eine starke Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Einsatz für ein größeres Ideal, es verleiht ihm Sinn und Kraft.

Die muslimische Expansion bezieht ihre Kraft aus der unerschütterlichen Gewissheit an ihren Gott und die damit zusammenhängenden Freuden im Jenseits. Wörtlich bedeutet das Wort Moslem „der sich (Gott) Unterwerfende“analog zu „Islam – Hingabe (an Gott)“. Im Koran wird zwischen Muslimen, die sich rein formal zum Islam bekennen, und wirklichen Gläubigen (mu’min) unterschieden:

Die Wüstenaraber sagten: Wir glauben! Sage ihnen: Ihr glaubt nicht. Sagt lieber: Wir haben uns nur scheinbar ergeben (den Islam angenommen). Der Glaube ist nicht in eure Herzen eingedrungen. Wenn ihr Gott und seinem Gesandten gehorcht, belohnt Gott euch voll und ganz für eure Werke. Gott ist voller Vergebung und Barmherzigkeit. Die wahrhaft Gläubigen (mu’min) sind die, die sich zu Gott und seinem Gesandten bekannt haben und keinen Zweifel hegen und mit ihrem Vermögen und ihrem Leben auf Gottes Weg kämpfen. Das sind die Rechtschaffenen.

– Koran 49:14-15

Mir wird in diesem Augenblick klar, dass die muslimische Herrschaft kommen wird- mit dieser expansiven Kraft und beinahe hysterischen Hingabe und Unterwerfung an den Koran geht das Morden weiter. Dieses Mal im Namen Allahs. Damals im Namen von Gott oder von beiden. König Jakob soll bei der Eroberung Palmas „Santa Maria, Santa Maria“ gerufen haben. Jesus soll einmal gesagt haben, „Ich bringe euch nicht den Frieden, sondern das Schwert.“ Und auch der selige Mallorquiner Ramon Llull, von dem später noch ausführlich die Rede sein wird, nahm zunächst eine für seine Zeit ungewöhnlich tolerante Haltung gegenüber dem Islam ein. Gegen Ende seines Lebens vertrat Llull aber ebenso eine „Mission mit dem Schwert“ (missio per gladium), weil man mit Wissenschaft und Methode –also rational- in dieser Sache nicht weiter kommt. Soviel zum Thema Peace on Earth.

Aber ist nicht auch dieser Zustand des Friedens nur ein Ideal, nach dessen Erfüllung wir uns sehnen? Ist nicht die Sehnsucht selbst dabei die entscheidende Qualität- und nicht deren Erfüllung? Denn die Erfüllung ist und bleibt absurd, sie ist ein hoffnungsloser Traum von Utopisten. Es war immer Krieg und wird immer sein. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, wie der häufig mißverstandene Heraklit zurecht meinte. Erst daraus entstehen seine Söhne und Töchter, wie der Frieden und die Versöhnung. Die Polarität ist das wesentlichste Wirkprinzip des Lebens. Wir müssen sie verstehen lernen, oder zumindest akzeptieren. Alles spielt sich (nicht bloß geografisch) zwischen 2 Polen ab und hängt unmittelbar zusammen. Es ist ein ewiges Hin und Her, sowohl aus historischer als auch aus biografischer Perspektive. Der Weltenlauf ist geprägt durch Phasen von Krieg und Frieden, durch wechselnde Machtverhältnisse, jede Bewegung löst eine Gegenbewegung aus, und zur Zeit sind „wir“ -also die Christen- die Schwächeren:

Auch wenn wir prozentuell immer noch vorne sind, in wenigen Jahren werden wir zahlenmäßig unterlegen sein. Expansionen sind oft eine rein mathematische Angelegenheit von Fertilität und Fortpflanzungsmoral. „Unsere“ Kirche weiß schon, warum sie immer noch gegen Verhütung ist, denn wir bräuchten dringend Nachwuchs, um dagegenhalten zu können. Hier geht es primär um die Moral der Zahl!

Nach einer recht interessanten Sudie von Ecoquest 2013- „Muslime in Österreich“ bezeichnen sich neun von zehn der befragten Muslime selbst als sehr oder eher gläubig; 62 Prozent beten zumindest einmal in der Woche und 36 Prozent gehen zumindest einmal pro Woche in die Moschee. Sowohl die Häufigkeit des Betens (Ritualgebet) wie die des Moscheebesuchs, aber auch die Einschätzung der eigenen Gläubigkeit liegt ganz deutlich über dem Durchschnitt der christlichen österreichischen Bevölkerung (Wohl gemerkt: Hier wurden nur die christlichen bzw muslimischen Österreicher miteinander verglichen (Muslime in ihren Heimatländern werden noch deutlich drüber liegen).

Wir sind also bald nicht nur zahlenmäßig, sondern auch kräftemäßig unterlegen, weil es uns an der Kraft des Glaubens fehlt und der damit zusammenhängenden Todesbereitschaft. Menschen, die nichts zu verlieren haben, die sich vor dem Tod nicht fürchten, die im Gegenteil davon Ehre, Ruhm und Stolz erwarten oder sonstige infantile Träume im paradiesischen Jenseits erfüllt sehen (wie z.B. die 72 Huris- also Jungfrauen, die nach der Schilderung im Koran von blendender Schönheit „wie Rubine und Korallen und mit „schwellenden Brüsten“ im Jenseits warten…. Juhuuu! Was für eine menschliche Verdummungsstrategie -wundert sich der kritische Rationalist in mir und trotzdem gilt: Tiefgläubige werfen sich mit anderem Gewicht in die Schlacht als die aufgeklärten Zweifler.

Noch haben wir einen technologischen Vorsprung, aber nachdem hinter kriegerischen Auseinandersetzungen immer auch massive wirtschaftliche Interessen stehen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn westliche Staaten in ihrer kapitalistischen Gier für die Aufholung und Aufrüstung der muslimischen Welt sorgen, mit der diese dann ihre aggressive Expansion konsequent vorantreibt. Wir verkaufen also gerade unseren letzten bleibenden Vorsprung an die islamische Welt.

Fragen, die mich zur Zeit beschäftigen:

+Was bringt uns die aufgeklärte Erkenntnis eines Sigmund Freuds etwa, der die Religion als „Narzissmus kleiner Differenzen“ bezeichnete- wenn u.a. in Syrien bereits die zweijährigen ihre ersten (Plastik)-Maschinengewehre bekommen und statt Mama oder Papa- Allah als erstes Wort eingehämmert bekommen?

+Wofür sollen wir kämpfen? Für die Aufklärung und ihre immanenten Zweifel oder müssen wir uns nicht längst wappnen gegen die feindlichen Angriffe??

+Brauchen wir nicht einen unerschütterlichen Glauben, damit wir solche Kathedralen des Lichts wie hier in Palma als dessen leidenschaftliche Manifestationen bauen können ?

+Gibt es einen Zusammenhang zwischen fatal und natal- d.h. ist der Tod so etwas wie eine Geburt oder ist es umgekehrt oder stimmt beides?

+Muss der Glaube als Lebenssinn und Existenzberechtigung apriori gültig sein und in einem „kategorischen Imperativ“ wie: ich glaube, also bin ich– wirken, oder lassen wir uns kraft unserer Reflexionsbegabung in dieser Optionenwelt zu einem ontologischen Kurzschluss hinreißen im Sinne von: ich bin, also glaube ich …?!

+In welche Richtung sollen wir unsere Kinder erziehen? Demokratische, friedlliebende, kompromissbereite Menschen werden überrollt werden vom traumatisierten Nachwuchs der aktuellen Kriegsschauplätze. Vielleicht nicht heute, aber schon morgen und ganz bestimmt übermorgen.

Wie so oft, wenn ich mir Sorgen mache oder in mich gehen möchte, um mit ein paar Dingen besser klar zu kommen, ziehe ich mich an diesen Tagen auf den heiligen Berg Randa ins Kloster Santuari de Cura zurück.

kloster-randa

randa-aussicht

ausblick2

Dieses ist auch mein Lieblingsplatz für unsere Mallorca-Workshops geworden, denn dort läßt sich hoch oben mit tollem Blick über die gesamte Insel das eigene Wirken und Schaffen aus der Vogelperspektive betrachten. Auch 2017 wieder gibt es dort 2 selektive Angebote von mir für Gründer und Unternehmer. Weitere Infos folgen im nächsten Beitrag dieses Flugblatts.

Dort oben wandle ich dieses Mal auf den Spuren eines großen Mannes, der sowohl ein großer Geist als auch ein großer Liebender und Gläubiger war und auf diesem heiligen Berg Randa seine Christus-Visionen hatte, die ihm zu seiner Lebensaufgabe bekehrten, und die er in missionarischer Leidenschaft, aber auch in Begleitung tiefer Zweifel bis zu seinem Lebensende verfolgte.

ramon-llull

Ramon Llull (1232-1316) war ein mallorquinischer Philosoph, Logiker und franziskanischer Theologe. Er gilt als Poet der Kontemplation und des Gesprächs mit der Natur. Er lebte lange Zeit im mallorquinischen Kloster Santuari de Cura auf dem Berg Randa, auf dem er auch seine mystischen Visionen erlebte.

Als erwachsen die eitle Welt ich erfuhr/ tat ich Böses und gab den Sünden mich hin / ich vergaß Gott zu ehren, suchte fleischliche Lust / Jesuchrist aber hatte Erbarmen mit mir / er erschien mir fünf Mal geopfert am Kreuz / damit ich mich bekehrte und in Liebe zu ihm/ hell entbrannt alles tät, dass sein Wort in der Welt/ überall Glauben fänd, und die Wahrheit man hört / von der Trinität und der Inkarnation / und ich wurde beseelt von so großem Entschluss / dass ich nur noch begehrte, er würde geehrt / und fortan war mein Leben geweiht seinem Dienst.

Er war der Sohn eines katalanischen Ritters, der unter  Jakob I. von Aragon für die Eroberung der islamisch regierten Balearen gekämpft hatte. Also unmittelbar nach der Eroberung in Palma geboren, wuchs er bei Hofe auf , war eng mit dem Könighaus verbunden, erhielt eine standesgemäße intellektuelle Erziehung, und wurde früh selbst zum Erzieher der Prinzen ernannt. Er führte ein höfisches, weltliches Leben und widmete sich als Troubadour der Dichtkunst. Er heiratete, hatte 2 Kinder und führte zunächst ein ausschweifendes Leben am Hof. Im Alter von 30 Jahren, so berichtet er in seiner eigenen Chronik, erschien ihm Christus 5x hintereinander, was sein Leben radikal veränderte. Er verließ seine Familie und alle Annehmlichkeiten des Wohlstands und stellte sein Leben ab nun voll und ganz in den Dienste Gottes.

Ramon Llull verschrieb sich vor allem der Bekehrung von Ungläubigen und der Reform des Christentums. Zunächst erlegte er sich selbst eine Phase des autodidaktischen Lernens auf, wozu er sich zunächst ins Kloster begab um sich anschließend in eine Einsiedelei auf dem Berg Puig de Randa in Algaida zurückzuziehen. Hier erarbeitete er seine Methode, die er ARS nannte und die es rational unmöglich machte, an eine andere Religion zu glauben. Seine „ARS MAGNA“ ist eine Art Buch logischer Mathematik, die bei Glaubenszweifeln angewendet werden kann.

Die „Große Kunst“ besteht darin, durch mechanisches Kombinieren von Begriffen mittels einer „logischen Maschine“ zu Erkenntnissen und wahren Aussagen zu gelangen. Es soll auf jede Glaubensfrage durch kombinatorische Verknüpfungen von Begriffen eine Antwort gegeben werden.

ars-magna

Diese Kunst lief auf die Idee des mechanischen Kombinierens von Begriffen mit Hilfe einer logischen Maschine hinaus und erschuf gleichzeitig damit die algorithmische Traditionslinie der Heuristik.

Llull selbst konstruierte eine solche „logische Maschine“, die aus sieben um ein Zentrum drehbaren Scheiben bestand. Auf jeder dieser Scheiben waren Wörter notiert, die verschiedene Begriffe wie z.B.Mensch, Wissen, Wahrheit, Ruhm, Güte, Glaube sowie logische Operationen wie z.B. Unterschied, Übereinstimmung, Widerspruch und Gleichheit bezeichneten. Durch das Drehen dieser konzentrischen Scheiben ergaben sich verschiedene Verknüpfungen von Begriffen, die Schlussformen des syllogistischen Prinzips entsprachen. (Syllogismus- aus der aristotelischen Logik: 2 Prämissen (Ober- und Untersatz) führen zur Konklusion (Schlussfolgerung).

Später gründete er die Schule Miramar, um Missionare in seiner Methode der Bekehrung von Ungläubigen zu unterrichten. Er unternahm lange Reisen durch Südeuropa und Nordafrika, um die Machthaber der Kirche in seine Initiativen zu involvieren.

1314 begab er sich im Auftrag Jakobs II. auf eine Reise nach Tunis. Auf dieser Reise wurde er 1315 angeblich von einer aufgebrachten Menge Moslems in Bougier (Algerien) gesteinigt. Ihm gelang die Flucht. Llull starb ein Jahr später auf Mallorca. Die katholische Kirche wertet dies als Märtyrertod. Also auch hier begegnet uns auf tragische Art und Weise die blutige mallorquinische Geschichte von Steinen und Moslems…

Er hinterließ ein umfangreiches Werk in katalanischer, arabischer und lateinischer Sprache. Man schätzt die Anzahl auf 265 (!) Schriften zu unterschiedlichen Bereichen: philosophische Abhandlungen, wissenschaftliche Artikel, theologische Traktate, Gedichte und Literatur. Llull war der erste Schriftsteller, der die Sprache Katalanisch für literarische Zwecke benutzte. DESCONHORT ist ein Werk, das zur besseren mündlichen Überlieferung durch die Minnesänger und Reisenden in Versform verfasst ist. Durch die Reime war es einfacher auswendig zu lernen. So wie der Titel andeutet (DESCONHORT= Trostlosigkeit, Schwermut, Enttäuschung), behandelt das Werk Llulls Enttäuschung und Verzweiflung darüber, dass sein Projekt nicht auf die gewünschte Akzeptanz traf, was ihn am Ende an sich selbst zweifeln lässt.

Lange Zeit habe ich mich abgemüht, die Wahrheit auf diese und andere Weise zu suchen, und durch Gottes Gnade bin ich zu gutem Ende gelangt und zur Erkenntnis der Wahrheit, die zu wissen ich sehr ersehnte und die ich in meinen Büchern niederlegte, doch ich bin ohne Trost, weil ich das, was ich so sehr wünschte und wofür ich seit dreißig Jahren gearbeitet habe, nicht zu Ende bringen konnte, und außerdem, weil meine Bücher wenig geschätzt sind, ja – auch das sage ich euch – weil viele Menschen mich sogar für einen Narren halten.

Zu Llulls Lebzeiten und auch in der folgenden Zeit wurden seine Ideen mit Misstrauen aufgenommen. Seine Ars beruhte auf einem neuplatonischem System, was der Hauptströmung der zeitgenössischen Scholastik widersprach. Die römische Kirche hat ihn lange auf den Index verbotener Bücher gesetzt und erst später rehabilitiert. Papst  Pius IX. sprach Ramon Llull 1847 selig.

Durch seine Sprachkenntnisse hatte Llull einen direkten Zugang zur arabischen Gedankenwelt und nahm eine für seine Zeit ungewöhnlich tolerante Haltung gegenüber dem Islam ein. Gegen Ende seines Lebens vertrat Llull aber durchaus eine „Mission mit dem Schwert“ (missio per gladium).

Trotzdem haben seine Werke eine große Wirkungsgeschichte und in den Jahrhunderten, in denen Llull offiziell verboten war, wurden seine Werke heimlich studiert und kopiert. Die Anhänger Llulls werden Lullisten genannt. Auch der Philosoph Nikolaus Cusanus kann dazu gezählt werden. Seine Theologie wurde auch von Giordano Bruno aufgegriffen. Für Ernst Bloch ist Lullus „der seltsam rationalistische Scholastiker“, der mit seiner ARS INVENIENDI versuchte, den Koran zu widerlegen und die kirchlichen Dogmen des Katholizismus mit philosophischen Mitteln rational zu begründen. Die Gedanken von Llull wurden auch von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Begründer der mathematischen Logik, aufgegriffen.

Was lernen wir aus seinem Leben und Wirken bzw seinem (selbstgenannten) Scheitern in der Übertragung auf unsere unternehmerischen Ambitionen?

+Was mich besonders an diesem Mann fasziniert ist seine unglaubliche Schaffenskraft- (256 Bücher in 3 Sprachen!) und mit welcher Leidenschaft er versucht hat, seine Mission unter die Leute zu bringen. Fraglich ist natürlich, ob das Wort alleine reicht, um andere zu überzeugen? Mir erscheint der gesamte unternehmerische Ansatz eindeutig zu intellektuell. Der Kunstgriff, eine irrationale Sache -nämlich den Glauben- mit rationalen Argumenten zu verkaufen- misslingt, weil Kaufentscheidungen fast immer emotional getroffen werden. Das gemeine Volk hat dem Herrn Supergscheit mit seinen wissenschaftlichen Methoden und der ausgefeilten Rhetorik seine Sache nicht abgenommen. Sie hat ihn nicht verstanden. Auch wenn er viele Sprachen gelernt hatte- die Sprache des ungebildeten und ungläubigen Volks beherrschte er nicht. 

+Aus meiner Sicht hätte er bei der reinen Ausbildung seiner Gefolgsleute bleiben sollen- so wie er es anfänglich in seiner Schule im Kloster Miramar begonnen hatte: also eigene „Trainer“in seiner Haltung und Methodik einzuschulen, die einen besseren Draht zur Zielgruppe haben. Er selbst kannte diese nicht wirklich und konnte daher keine Verbindung herstellen zwischen seinen Eingebungen „von oben“ und den einfachen Menschen „da unten“. Seine Welt war jene der gelehrten Schriften, der Introspektion und der Kontemplation. In diesem erlesenen Bewußtsein und der verfeinerten Wahrnehmung war er nicht anschlußfähig an das Leben des Volkes. Wenn man so reine geistige Höhenluft atmet, gehört man häufig zu den Pionieren seines Faches, die gemäß ihrer Natur gerne völlig neue Denkwelten betreten und radikale Innovationen entwickeln. Die Einsamkeit der Genialen ist ja hinlänglich bekannt. Mit Verständnis ist nicht zu rechnen, weil sie nicht verstanden werden. Erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte später werden diese Vordenker rehabilitiert (schneckenhafte 500 Jahre später wurde er selig gesprochen…!).  Zu Lebzeiten wurden sie gerne als Narren verspottet und ihre Bücher wurden verboten- wie bei Ramon Llull. 

Also, sei vorsichtig mit allzu großen Vorhaben und setze dir deine Ziele ambitioniert aber realistisch. Achte gut auf deine Kräfte, verzettle dich nicht und schaffe dir ein System von Unterstützern, Verstärkern und Multiplikatoren- die deine Sache mittragen und in ihren Milieus verbreiten. Das Wort selbst ist immer zu wenig, Erfolg zeigt sich immer im Tun. Deine Handlungen sprechen sich herum, und wenn du sie mit ganzem Herzen machst, ziehst du die richtigen Mitstreiter in dein Leben. Wenn du mit deinem „Konzept“ deine Zielgruppe nicht erreichst, hat es auch wenig Sinn, deine Produkte und Dienstleistungen in die Leute hineinzuprügeln. Die Mission mit dem Schwert endet in irgendeiner Form immer tödlich. Entweder sterben deine „potenziellen Kunden“ oder deine Ideen. Man muss den Boden für gewisse Botschaften subtiler aufbereiten- und auch da wieder seine (u.U. auch bezahlten) Jünger in den Markt schicken, um von der neuen Idee zu berichten und ein Bedürfnis zu generieren. Herr Mateschitz könnte bestimmt Nachhilfe darin geben, wie sogar völlig sinnlose und schädliche Produkte zu unermesslichem Reichtum führen, wenn man den Markt gut aufbereitet hat. Und du wirst bestimmt eine dicke Haut und einen langen Atem brauchen. Auch der Zweifel braucht seinen Platz. Am Besten behandelst du ihn wie einen gut abgerichteten Hund, der ein treuer Begleiter ist. Du hast ihn im Griff und nicht er dich. Er ist ein konstruktiver Bestandteil deiner Entwicklung zum Entrepreneur und gehört einfach dazu. Wer am Zweifeln zweifelt, verzweifelt. Ganz bestimmt wirst du den festen Glauben an deine Sache brauchen, denn erst dieser setzt die Erfolgsspirale in Gang, von der ich dir das nächste Mal berichten möchte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s